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Lexi


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geändert von: Lexi - 26.01.09, 14:11:15

Der Begriff "viktorianische" Mode ist zwar praktisch, da die Mode in der Regierungszeit der englischen Königin Viktoria einige typische Merkmale hatte (s.u.), aber das ist eher zufällig. Auf dem Kontinent spricht man daher kulturhistorisch kaum von einer "viktorianischen" Zeitspanne, sondern verwendet andere Begriffe, die kurz erläutert werden sollen.

Biedermeier:
Im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung für die Zeit zwischen dem Wiener Kongress (1815) und dem Revolutionsjahr 1848. Wir beschäftigen uns mit Biedermeiermode wie sie ab ca. 1837 getragen wurde, also dem späten Biedermeier. Bei der Damenmode ist zu diesem Zeitpunkt bereits die für die gesamte "viktorianische" Zeit typische, künstliche Silhouettenformung durch Korsetts und Kleidungsunterbauten vorhanden. Bei den Herren löst der schlichte, zunehmend gerade geschnittene Gehrock die taillenbetonte Dandymode des Frühbiedermeier ab und wird bis zum Ende des Jahrhunderts für die Herrenmode typisch sein.

Gründerzeit:
Bezeichnet die wirtschaftliche Aufschwungphase von der Mitte des Jahrhunderts bis zum sog. Gründerkrach 1873. Danach beginnen die 20 Jahre der Gründerkrise. Kulturhistorisch (aber nicht wirtschaftlich - politisch) wird diese Gründerkrise oft noch zur Gründerzeit gerechnet. In der Architektur ist der Historismus maßgebendes Stilelement, weshalb ein typisches Gründerzeithaus auch eines von 1890 sein kann. Auch in der Mode reden wir aus ähnlichen Gründen von Gründerzeitkleidung. Ob der Gründerkrach eine Rolle beim Übergang vom üppigen frühen Tournürenstil zur stoffsparenderen Küraßmode spielte, ist nicht beweisbar, aber durchaus möglich. Man darf aber die Gründerkrise nicht als eine Phase bitterer Armut verstehen. Einige Spekulanten hatten sich zwar beim Gründerkrach ruiniert, für die Mittelschicht waren die Auswirkungen aber weniger spürbar. So erklärt sich, daß die Damengarderobe weiterhin vergleichsweise aufwendig war. Für die Herren bringt die Zeit nach dem Gründerkrach den Siegeszug der kurzen Jacke in der Alltagskleidung. Der Gehrock wird zur formellen Tageskleidung. Formelle Abendgarderobe ist der Frack (schwarzes Tuch setzt sich durch). Gründerzeit mode ist unser thematischer Schwerpunkt.

belle époque
Dieser Begriff ist zwar sehr bekannt, gleichzeitig aber recht schwammig. Meist wird damit die recht lange Friedenszeit in Europa zwischen dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 und dem Beginn des ersten Weltkriegs 1914 bezeichnet. Manche beginnen die belle époque erst 1885. Für Modestile ist der Begriff weniger geeignet, da es keine typischen belle époque Charakteristika gibt, weder bei Herren noch bei Damenmode. Wir verwenden für "viktorianische" Mode nach der Gründerzeit daher lieber den Begriff "Jahrhundertwende-Stil" (fin de siècle ist kulturhistorisch durchaus ein Begriff). Man kann aber festhalten daß alle von uns behandelten Modestile nach der Krinolinenmode als belle-époque-Kleidung bezeichnet werden könnten.
26.01.09, 14:10:43
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